Heilpädagogik
Die Begegnung mit einem behinderten Menschen ist nicht einfach. Sie wirft Fragen auf, denen sich niemand entziehen kann, verunsichert und weckt Empfindungen, die schwer beschreibbar sind. Ein tiefes Mitgefühl oder Mitleid kann entstehen, aber eine solche Begegnung kann auch Angst und Befremden auslösen, Ablehnung oder Distanz bewirken.
Verschiedene Kulturen haben unterschiedlich auf die Herausforderungen reagiert, die eine Begegnung mit einem behinderten Menschen beinhaltet; von Unverständnis, Aussonderung und Verurteilung als Strafe Gottes für sündhaftes Verhalten bis hin zu intensivster Betreuung, höchster Anerkennung und fundierter Förderung reichen die Verhaltensweisen. Die unsere Gesellschaft bis vor kurzer Zeit noch prägenden humanistischen Ideale haben sehr viel zur Akzeptanz, Förderung und Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft beigetragen; doch diese positiven Errungenschaften werden heute wieder in Frage gestellt. Über den Sinn des Lebens eines behinderten Menschen wird vermehrt wieder diskutiert.
Die kaum hinterfragte Dominanz des technisch Machbaren der Wissenschaft hat zur Folge, das ethische Gesichtspunkte, die Frage nach der moralischen Verantwortung unseres Tuns zu lange in den Hintergrund getreten ist, aber glücklicherweise gerade in unserer Zeit immer intensiver und drängender neu gestellt wird. Denn jedes menschliche Leben ist zu respektieren, darf und kann niemals auf biologische Prozesse oder kognitive Fähigkeiten reduziert werden, sondern ist im biographischen Sinne als individuelles Leben zu verstehen. Diese Grundfrage nach dem Wesen des Menschen, dem Sinn seiner Existenz, wird in jeder Begegnung mit einem behinderten Mitmenschen offenbar und bewirkt darum die oft sehr schwer einzuordnenden Reaktionen und Empfindungen.
Entstehung
Am Anfang dieses Jahrhunderts waren es diese Fragen, die drei junge Menschen, die solche Begegnungen mit Menschen mit Behinderung als Herausforderung aufgreifen wollten, an Rudolf Steiner herantreten liessen. Darauf hielt Rudolf Steiner im Frühsommer 1924 vor einem kleinen Menschenkreis in Dornach zwölf Vorträge, den «Heilpädagogischen Kurs». Dieser wurde zur Grundlage aller anthroposophisch-heilpädagogischen Impulse, die heute in der ganzen Welt -– in über 450 Institutionen verteilt auf über 40 Länder – gepflegt und gelebt werden. In all diesen Institutionen werden Menschen unterschiedlichsten Alters betreut, die in ihrer Entwicklung oder individuellen Entfaltung behindert oder beeinträchtigt sind und aus diesem Grund einer speziellen Betreuung, Begleitung und Förderung bedürfen.
Grundlagen
Leitmotiv der anthroposophisch-heilpädagogischen Arbeit ist die Überzeugung, dass der Wesenskern eines Menschen, seine Individualität, nie krank, sondern nur in seiner harmonischen Entfaltung behindert oder beeinträchtigt sein kann. Rudolf Steiner bezeichnete die behinderten Kinder als «Seelenpflege-bedürftige», eine nicht defizitorientierte und abwertende Bezeichnung, sondern ein klarer Hinweis darauf, wo das in seiner Entwicklung behinderte Kind der Zuwendung und Hilfe bedarf. Als Gegengewicht in unserer hektischen Zeit wird in den anthroposophischen Institutionen der bewussten Gestaltung des Tages-, Wochen- und Jahreslaufes grosse Beachtung geschenkt, denn so kann eine Hülle geschaffen werden, die – oft nicht nur – den betreuten Menschen wieder Sicherheit und Vertrauen vermitteln kann.
Das künstlerische Tun und Erleben in Eurythmie, Malen, Musik, Sprache und Werken wird bewusst intensiv gepflegt. Der Zusammenarbeit mit Ärzten, verbunden mit einer konstitutionellen Behandlung mit natürlichen Heilmitteln und einer unterstützenden künstlerischen Therapie, wird grosse Bedeutung beigemessen. Das Feiern der christlichen Jahresfeste und die Pflege eines religiösen Lebens im Sinne einer überkonfessionellen christlichen Grundhaltung bilden ein weiteres Schwergewicht. Im Bereich der Betreuung erwachsener Menschen mit Behinderung ist das künstlerisch durchdrungene, handwerkliche Tun und die Pflege des Bodens und der Umgebung mit dem Impuls der biologisch-dynamischen Landwirtschaft von grösster Wichtigkeit.
Arbeitsgebiete
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich verschiedene Arbeitsgebiete anthroposophisch-heilpädagogischen Wirkens herauskristallisiert, die den biographischen Gesetzmässigkeiten und unterschiedlichen Beeinträchtigungen Rechnung tragen. Die Frühförderung und -beratung begleitet das Kind und sein Umfeld in den ersten Lebensjahren und bereitet es für den Eintritt in den Kindergarten und in die Schule vor. Der Waldorf-Lehrplan der Rudolf-Steiner-Schulen bildet die Grundlage der pädagogischen Arbeit in den Tagessonderschulen und Sonderschulheimen, bei letzteren kommt dem Bereich der Betreuung und Pflege eine sehr wichtige Bedeutung zu. Den Abschluss der Schule bildet die Berufsvorbereitung als Übergang in das Erwachsenenleben, wo die Schwerpunkte des Zusammenlebens und -arbeitens eine andere Gewichtung erfahren. Diese Neuorientierung spiegelt sich auch in der Bezeichnung Sozialtherapie als umfassenden Begriff für alle Tätigkeiten mit erwachsenen Menschen mit Behinderung. In vielen Institutionen werden unterschiedlichste Formen der Sozialtherapie gepflegt, vom intensiven Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten in den Camphill-Gemeinschaften, begleiteten Wohnmöglichkeiten in den Städten bis hin zum Angebot von Tageswerkstätten.
In den letzten Jahren ist die Frage nach dem Umgang mit älter werdenden Betreuten aktuell geworden, eine Herausforderung, die neue Formen des Gemeinschaftslebens verlangt.
In der Schweiz gibt es gut fünfzig Institutionen unterschiedlichster Grösse und Ausrichtung. Zusammengeschlossen sind alle diese Impulse und viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im «Verband für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie», der sich neben einer Wahrnehmung und Vertiefung der Arbeit nach innen auch die Vertretung der Impulse nach aussen – in die Öffentlichkeit und die Fachwelt – zum Ziele gesetzt hat. Berufsbegleitende Grundausbildungen befähigen zur eigenverantwortlichen Mitarbeit, bei Eignung und abgeschlossener Grundausbildung oder pädagogischer Vorbildung kann am Heilpädagogischen Seminar in Dornach das Diplom als Heilpädagogin oder Heilpädagoge auf anthroposophischer Grundlage erworben werden.
Ausblick
«sie sehen nur meinen autistischen aussenpanzer, nie mein wirkliches wesen/wir sind menschen behandelt uns wie menschen mit würde und achtung und verständnis» (Sellin Birger: ich will kein inmich mehr sein. Köln 1993, Kiepenheuer und Witsch, S. 174). Dieser verzweifelte Ausruf eines jungen Mannes mit einer Behinderung, der sich mit Hilfe eines Computers ausdrücken und formulieren kann, ist aktueller denn je. Darum gehört es mit zu den Aufgaben aller, den Betroffenen, den Eltern und den sogenannten Fachleuten, sich für die Menschen einzusetzen, die sich selber nur ungenügend oder gar nicht artikulieren können, deren Grundrechte aber erneut gefährdet sind.
Denn die Grundrechte auf Leben, Erziehung, Bildung und Arbeit gelten für alle Menschen. Auch in Zeiten knapper werdender finanzieller Mittel darf es für Menschen mit einer Behinderung keine einschränkenden oder diskriminierenden Bestimmungen geben, sondern nur ein solidarisches Mittragen durch die Gesellschaft.
Verband für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie in der Schweiz,
Sekretariat, Ruchtiweg 9, 4143 Dornach, Fon 061 701 84 85,
Fax 061 701 81 04